Vor zwei-drei Jahren hat es damit angefangen, dass ich Text aus einem Chatfenster kopiert und in meine Dokumente eingefügt habe. Damals fühlte es sich noch wie ein nützlicher Trick an, wie ein besseres Google. Heute haben diese Systeme Zugriff auf meine Dateien, bearbeiten sie direkt, steuern Anwendungen auf meinem Rechner, speichern Kontext über Wochen. Das funktioniert auf Windows, Mac und Linux, egal wo ich gerade bin. Der Schritt von "copy paste aus dem Chat" zu "das System arbeitet mit mir auf meinem Rechner" hat keine große Ankündigung gehabt. Er ist einfach passiert.
Ich arbeite heute wie ein anderer Mensch. Und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das gut finden soll.
Die Verschiebung
Früher war Tiefe das Produkt. Das klingt abstrakt, aber ich meine es konkret: Wenn ich ein Problem nicht verstand, musste ich Zeit investieren. Artikel lesen, Zusammenhänge herstellen, mit Leuten reden, Dinge ausprobieren, scheitern, nochmal ausprobieren. Das war langsam und manchmal frustrierend. Aber am Ende hatte ich etwas, das sich wie echtes Verstehen angefühlt hat. Wissen, das wirklich mir gehörte, weil ich es mir erarbeitet hatte.
Heute ist der Ablauf anders. Ich formuliere ein Problem, iteriere mit einem Agenten, bekomme ein Ergebnis in Minuten statt in Tagen. Das klingt nach Effizienz und es ist Effizienz. Aber ich bin nicht einfach schneller geworden. Ich bin in eine andere Kategorie gefallen, und was das für mein Verständnis der eigenen Arbeit bedeutet, beschäftigt mich mehr, als ich zunächst zugegeben hätte.
Was genau diese andere Kategorie ist, habe ich eine Weile gebraucht zu benennen.
Der Verstärker
Ich benutze AI nicht als Tool in dem Sinne, wie ich Excel als Tool benutze. Ich benutze sie wie eine Verlängerung meines Denkens. Ideen entstehen im Dialog. Struktur kommt von außen. Wissen ist sofort verfügbar, bevor ich auch nur anfange, eine Lücke zu spüren.
Das fühlt sich an wie eine Prothese für kognitive Arbeit. Nicht ersetzend. Verstärkend.
Aber ein Verstärker macht keinen Unterschied zwischen Signal und Rauschen.
Wenn meine Gedanken gut sind, werden sie besser. Wenn sie schlecht sind, werden sie schneller und lauter schlecht. Ich habe in den letzten Monaten erlebt, wie mittelmäßige Ideen mit enormer Geschwindigkeit zu mittelmäßigen Outputs geworden sind. Nur halt in einer Stunde statt in einer Woche. Das ist unbequem. Weil die Verantwortung für die Eingabe vollständig bei mir bleibt. Das System macht aus schlechten Fragen keine guten Antworten. Es macht sie nur größer.
Das hat mich dazu gebracht, eine Frage anders zu stellen, als ich es vorher getan hatte.
Macht es einen Unterschied?
Lange habe ich mich gefragt: Was ist eigentlich noch meine Leistung?
Ich glaube, das ist die falsche Frage.
Ich fahre mit einem E-Bike zur Arbeit. Ich habe keine Ahnung, wie der Motor im Detail funktioniert. Ich könnte den Rahmen nicht schweißen, den Sattel nicht nähen, die Griffe nicht herstellen, die Scheibenbremsen nicht designen. Ich kenne die gesamte Prozesskette nicht, vom Rohstoff bis zum fertigen Rad. Ich weiß aber, wie man all diese Teile zusammen benutzt, um von A nach B zu kommen.
Mit LLMs ist es dasselbe, nur auf einer anderen Ebene. Ich muss nicht wissen, wie ein Transformer intern funktioniert. Ich muss nicht verstehen, wie die Cloud-Infrastruktur dahinter aufgebaut ist, die es ermöglicht, dass Millionen Menschen diese Systeme gleichzeitig nutzen. Ich muss die gesamte Prozesskette nicht kennen, genauso wenig wie beim E-Bike. Ich muss wissen, wie ich das System so einsetze, dass es mich ans Ziel bringt.
Das Ziel, das Urteil, den Kontext, das bleibt meins. Die Fähigkeit, gute Fragen zu stellen, schlechte Outputs zu erkennen, die Richtung zu halten. Das ist die Kompetenz, die zählt.
Und wenn ich das E-Bike wirklich verstehen wollte, ich bin heute in der Lage, das schneller und gründlicher zu lernen als je zuvor, weil ich Werkzeuge habe, die mir dabei helfen würden.
Trotzdem bleibt ein Rest Unbehagen. Weil die nächste Frage direkt dahinter wartet.
Die neue Abhängigkeit
Was, wenn ich auch das Ziel nicht mehr allein finde?
Ich könnte meinen Job aktuell nicht mehr so ausüben ohne LLMs. Das ist kein hypothetisches Szenario. Das ist Realität, die ich mir selbst gegenüber eingestehen musste. Und das kippt etwas in der Art, wie ich über meine Arbeit nachdenke.
Früher halfen mir Tools zu arbeiten. Heute arbeite ich durch die Tools.
Diese Umkehrung ist klein in der Formulierung. In der Bedeutung ist sie groß. Und sie wird größer, je schneller sich das Feld bewegt.
Geschwindigkeit als Last
Ich arbeite hauptberuflich in diesem Feld. Ich sollte eigentlich immer auf dem neuesten Stand sein. Das ist Teil des Jobs, Teil des Selbstverständnisses.
Aber meine Kapazität ist gebunden. Durch Projekte, durch Kundentermine, durch private Dinge, durch das Leben. Ich habe mir inzwischen einen Tag pro Woche freigeschaufelt, manchmal alle zwei Wochen, um die neuesten Entwicklungen nachzuvollziehen und wirklich zu verstehen, was gerade passiert. Einen ganzen Tag. Nur dafür.
Und selbst das reicht kaum.
Das Eigenartige daran ist: Ich spüre diesen Druck wahrscheinlich früher als die meisten Menschen, weil ich direkt in diesem Feld unterwegs bin. Wer nicht täglich damit arbeitet, hat noch etwas Abstand. Aber der Abstand wird kleiner, für alle.
Was darauf eine Antwort ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Aber ich bin überzeugt, dass wenn keine klaren Orientierungen kommen, keine Strukturen, keine vernünftigen Einführungswege, dann werden die Menschen sich selbst helfen. Wie in einem schlecht designten Park, wo die Wege so angelegt sind, dass niemand sie benutzt. Irgendwann entstehen Trampelpfade. Die Menschen gehen einfach quer, weil der vorgesehene Weg unbequem, umständlich und ineffizient ist.
Das ist keine Kritik an den Menschen. Das ist ein Hinweis auf das Design.
Und irgendwie beschreibt es auch meinen inneren Zustand ganz gut.
Zwischen zwei Zuständen
Ich schwanke konstant.
Auf der einen Seite: maximale Wirkung, neue Möglichkeiten, das Gefühl, Dinge zu schaffen, für die früher ein ganzes Team nötig gewesen wäre. Das ist real und es macht Freude.
Auf der anderen Seite: Dauerbeschleunigung, kein stabiler Zustand, das permanente Gefühl, eigentlich gerade irgendwo nicht mitgekommen zu sein. Das ist genauso real.
Keiner dieser Zustände hebt den anderen auf. Sie existieren parallel, und ich habe noch keinen Weg gefunden, das aufzulösen. Was ich aber habe, ist eine Frage, die ich nicht mehr loswerde.
Die eigentliche Frage
Was bedeutet es noch, gut in etwas zu sein, wenn das Denken selbst verstärkt wird?
Ich glaube nicht mehr, dass die Antwort in der Technologie liegt. Sie liegt darin, was ich damit mache. Wie ich denke. Wohin ich steuere. Wie ich meine eigene Kompetenz bewerte und nicht bloß meinen Output.
Das ist kein Fazit. Das ist ein Zustand.